
Wieso es gesund sein kann, Wut nicht zu unterdrücken.
Erst mal vorab: Depression ist die am häufigsten diagnostizierte Diagnose.
Werden Wut und Aggression (im Sinne des lateinischen Wortstammes aggredi = an etwas herangehen/herantreten) unterdrückt oder nach innen gerichtet, kann ein Gefühl der Hilflosigkeit entstehen, weil die Gefühlskraft nicht für das Einleiten einer Änderung im Sinne der Bedürfnisse genutzt wird.
Diese erlernte Hilflosigkeit wiederum ist ein relevanter Risikofaktor für das Entstehen einer Depression.
Es ist ein uraltes Dilemma zwischen dem Grundbedürfnis dazu zu gehören und der eigenen Autonomie. Stell dir einmal vor, dass ein Kind nach einem abgelehnten Wunsch mit Wut und Protest reagiert, in der Hoffnung, dass auf sein Bedürfnis doch noch eingegangen wird. Herrscht bei der Bezugsperson gerade eine Bedürfniskollision, reagiert diese womöglich mit einem kurzzeitigen Kontaktabbruch, nicht mal unbedingt in Form von Weggehen/Abwenden, aber zum Beispiel in Form von «Schotten dicht machen». Das feinfühlige Kind wiederum reagiert mit Rückzug aus der Wut und der Anpassung, um die Zugehörigkeit nicht zu gefährden (weil dies je nach Alter lebensgefährlich wäre).
Aggression im positiven Sinne kann also auch bedeuten, seine Umwelt an sich selbst anzupassen, Grenzen zu setzen, für sich einzustehen und für seine Bedürfnisse zu gehen.
Aufgrund des Unterdrückens adäquater Wut, negativer Erfahrungen und anderen Prägungen in der Kindheit kann ein Mensch die Überzeugung entwickeln, dass er keine Fähigkeiten zur Veränderung der eigenen Lebenssituation hat, obwohl dies objektiv betrachtet möglich wäre. Das Überwinden dieser erlernten Hilflosigkeit hinzu Selbstwirksamkeit ist ein entscheidender Schritt für das persönliche Wachstum und psychisches Wohlbefinden.